Bevor die Schmerzen verschwunden, alle Wunden verheilt und damit die Erinnerungen verwischen gilt es die Erinnerungen zur Styrkeprøven 2009 aufzuschreiben. Was am Freitag, dem Tag vor dem Rennen in Trondheim geschah hatte ich schon berichtet.
Samstag morgen um 4:30 klingelte der Wecker. Raus und gleich runter zum Frühstück. Da galt es richtig rein zu hauen was um diese Uhrzeit nicht so leicht war. Danach galt es die fast wichtigste Frage der Woche zu klären: was zieh ich an? Oder besser: Wieviel ziehe ich an? Die Temperaturen waren noch unter 10 Grad. Hinzu kam angesagter leichter Regen und auf 1000 Meter sollte es ja auch hoch gehen. Allerdings kommen nach den Bergen bis nach Oslo meist wärmere Temperaturen, wir rechneten mit bis zu 20 Grad. Hat man dann zu viel an, wirds warm und man muss viel viel trinken. Die Klamottenfragen ist für mich vor Trondheim-Oslo immer die schwierigste und ich glaube kaum, das ich mir diese Frage unter schwierigeren Bedingungen stellen könnte. Selbst zu festlichen Anlässen weiss ich was ich anzieh. Wobbei, ich glaub das liegt auch daran das ich deutlich mehr Bikesachen im Schrank hab als festliche Kleidungsstücke … genauer gesagt gibts da nur ein Set. Naja … anderes Thema.
Ich entschied mich am Ende für 3 Lagen am Oberkörper wobei eine langärmlich war. Meine kurze Hose verlängerte ich mit ein paar Beinlingen bis über Knie und über die Schuhe gabe ein paar leichte Überzüge die etwas den Fahrtwind vor dem Eindringen in die Schuhe hintern sollte.
Hotel verlassen, Gepäck abliefern und aufwärmen. Ein paar Runden drehen und versuchen die Beine locker zu bekommen. 6 Uhr startet das erste Team (Vorjahressieger), um 6:25 war unser Start. Dicke Regenwolken lagen über Trondheim, die Strassen ware noch trocken. Noch. Es dauerte nicht lange bis der erste Regenschauer einsetzte. Es war kein richtig durchgäniger Regen, aber immer wieder kräftige Schauer und wenn es nicht gerade von oben kam, dann doch vom Hinterrad des Vordermannes. Gut 2 Stunden fuhren wir so und bis auf kalte Füsse gings mir gut. Anderen war es glaube ich richtig richtig kalt, da ich aber 2007 schon in 17 Stunden Dauerregen gefahren bin, konnte mich das nicht erschrecken. Naja, und nach insgesamt 3 Stunden war dann auch alles vorbei mit dem Regen und wir fuhren uns wieder trocken.
Nach gut 70 km der erste Ministopp. Ein Ministopp stellt man sich so vor: Im Abstand von 2 Metern stehen entlang der Strasse Trinkflaschen mit Sportdrinks und Wasser. Jeder Fahrer hält neben so einem kleinen Depot, wechselt seine Flaschen und weiter gehts. Kein Absteigen, keine Zeit zum Pinkenl, kein Nix. Das ganze dauerte incl. Bremsen und Anfahren vielleicht 20 Sekunden, geht sehr kontrolliert vor sich und vor allem: alle haben die Chance neue Flaschen zu bekommen.
Nach gut 170 km gabs den ersten “richtigen” Stopp. Dieser liegt oben im Gebirge und um da rauf zu kommen gehts die 170 km fast stetig bergauf. Wir hatten Glück in den Bergen, da es dort oft von vorn weht. Diesmal war es ein leichter Seiten- bzw. Rückenwind. Beim diesem Stopp geht es darum sich mit neuen Trinkflaschen und neuem Essen zu versorgen. Hier gibts auch die eigene Versorgungsbox (natürlich mit Nummer versehen damit man gleich weis wo sie steht) mit dem vorher vorbereiteten Essen. Innerhalb der 90 Sekunden hat man i.d.R auch genug Zeit zum Pinkeln :)
Nach dem Stopp kommt der gefährlichste Teil des Rennens, eine Abfahrt. Hier war meine zweite Sonderaufgabe: Tempo in der Abfahrt machen. Das lieft, wie übrigends die ersten 200 km ingesamt recht gut. Es fühlte sich alles recht leicht an. Es klappte mit dem Essen recht gut, auf Grund der frischen Temperaturen war der Wasserverlust gering und ich kam sehr gut mit den Vorräten hin. Das sollte sich auch nicht weiter ändern. Trinken war eher zuviel und Essen war bis auf ein paar Kleinigkeiten alles aufgegessen. Ich hatte mir einen ziemlich genauen Essensplan gemacht der auch 1a aufging. Mein Vorteil war hier die schon aufkommenden Routine: nicht zuviel, nicht zuwenig. Genau aller halben Stunde gabs was Kleines zu Essen und zu 50 % war es Weissbrot mit Butter, extra Salz und Käse. Weitere 25% Bannen und der Rest dieses süsse Sportszeugs. Steh da nicht so sehr drauf, ist aber ab und an gut. Was wirklich gut war, waren ein Gel mit Koffein. Gerade wenn man etwas müde wird kickt das so ziemlich.
Zurück zur Abfahrt. Die Dauert nicht lange, ca 15. Minuten hat aber gegen Ende zwei gefährliche Kurven in der im ersten Team Jæren Jahr einer die Kurve nicht bekam und ins Krankenhaus mit gebrochenem Schlüsselbein musste. Ein anderere Fahrer im Team hat 2004 einen guten Freund bei dieser Abfahrt verloren. Genaueres über den damaligen Unfallhergang weiss ich auch nicht, aber es zeigt wie deutllich welcher Risikosport auch Biken ist. Und wer heute – in Deutschland nach meinen Erfahrungen noch weit verbreitet – ohne Helm unterwegs ist, kann von mir null Verständnis dafür ernten. Zuviel Unfälle hab ich nun schon selber miterlebt. Selbst hat es mich nur einmal so richtig aus ner Kurve gefegt (ohne Schaden an mir und dem Bike), aber ich hab viele miterlebt und bin vielen nur knapp Entkommen. Auch im Team Jæren gibt es oft Stürze, allein bei Trondheim-Oslo hatten wir 3 Stürze. Einer verlief ohne Konsequenzen für Mensch und Material, zwei anderen jedoch nicht. Und das noch dazu in Routinesituationen: Es ging durch Lillehammer und im Feld musste gebremst werden. Hinter mir hörte ich es dann einfach nur noch knallen. Zum Glück konnte das uns entgegenkommenden Auto noch rechtzeitig bremsen. Ich will garnicht daran denken wie es gewesen wäre wenn nicht.
Gut, nach der Unfallfreien Abfahrt kommt ein langes Stück bis Lillehammer. Immer am Fluss entlang. Immer leicht abwärts. Hier gilt es hohe Fahrt zu machen und Dampf zu machen. Das gelang uns am Anfang noch recht gut, aber nicht wie notwendig und unser Ziel war es, auf genau diesem Abschnitt einen Grossteil der Zeit rauszufahren die wir ja schneller sein wollten als 2008. Zwischen Gebirge und Lillehammer trifft man dann auch immer auf die Biker, die bereits am Freitag abend los sind, also die ganze Nacht durchgefahren sind und lange nach uns im Ziel sein werden. Vor diesen FahrerInnen habe ich einen unglaublichen Respekt: Sie fahren nicht in so relativ grossen Teams, meist zu Zweit oder Dritt und sie müssen sich viel länger motivieren. Als ich 2008 meine persönliche Bestzeit um gut 4 Stunden verbesserte klingt das sehr hart. Es war zwar härter, aber auch leichter zugleich: ich sass schliesslich 4 h weniger im Sattel. Und diese BikerInnen die 24, 30 oder auch 40 h brauchen brauchen einen unglaublichen Willen um das durchzustehen. Die norwegischen Militärbiker in Uniform mit ihren gangschaltungslosen schwarzen, schweren Eisenbikes sind sicherlich die Extremsten.
Auf dem Weg nach Lillehammer gabs noch einen Ministopp der leider nicht so gut klappte, da das Versorgungsauto nicht da war und uns so nur wenige Flaschen zur Verfügung standen. Leider waren das auch noch fast alles Wasserflaschen und so fuhr ich bis zum zweiten und letzten 90 Sekunden-Stopp mit zwei Flaschen Wasser. Nicht ganz so doll, aber es geht schon.
In Lillehammer dann der Sturz. Lillehammer ist immer ne kleine Abwechslung. Leute am Strassenrand, Stadt und leider auch mehr Verkehr. Lillehammer bedeutet 2/3 sind geschafft. Nur noch 170 km bis nach Oslo. 170 km entgegen den schon gefahren 370 km klingt wie nix. Man ist doch schon fast im Ziel könnte man denken und wer 370 km geschafft hat, schafft auch die letzten 170 km. Doch genau dieses Strecke hat es in sich. Viele viele kleinere Hügel und Berge. Immer wieder Tempowechsel. Schmale Strassen, Kurven und ab und an Schlaglöcher. Eins war für mich und damit verbunden auch ein plattes Hinterrad. Irgendwann musste es ja kommen. Schon 2008 hatte es mich zwischen Lillehammer und Oslo erwischt, nun wieder. Nur ein wenig zeitiger. Schnell noch runter in den schwersten Gang schalten und rechts ran. Das Servicefahrzeug stoppte sofort und als der Kollege mit dem neuen Hinterrad ankam, hatte ich meins schon draussen. Das neue wieder rein (was nicht sooo schnell ging diesemal) und weit. Das das Team aber diesmal mit gut 40 km/h weiter fuhr, machte sich die Aufholjagt es schwieriger als letztes Jahr. Da spielte sich quasi alles an einem Berg ab. Allerdings bekam ich Hilfe vom Servicefahrzeug und so ging alles nochmal gut.
Am Ende ist man natürlich extrem müde und schafft. Ich muss mir immer Zwischenziele stecken: Noch 10 km und dann sind es nur noch 150 km. Oder gleich sind es nur noch 90 km. Oder noch 10 km und dann ist der letzte Ministopp. Fast aller 10 km versucht man sich ein solches Zwischenziel zu setzen um sich ständig weiter zu motivieren. Man sitz lange und hat irgendwann keinen Bock mehr. Ich zumindest. Dann ist es besonders schön auch zu wissen das Anja im Ziel wartet, eine besondere Motiviation nicht schlapp zu machen.
Tja. Und dann kommt man nach Oslo, ins Ziel was unglaublich hässlich und abgelegen liegt. Ich empfinde es jedes Mal als eine totale Schande und dem Rennen unwürdig uns solch ein Ziel am Rande der Stadt inmitten von Industrieanlagen anzubieten. Die Zielzeit war besser als 2008, aber weiter hinter dem gesteckten Ziel und reichte nur für Platz 6 in der Teamwertung. Damit bin ich auch nicht mehr schnellster deutscher Teilnehmer sondern wurde dieses Jahr von 3 Leuten geschlagen.
Ärgern will ich mich darüber nicht, auch wenn das am Anfang nicht leicht viel. Schliesslich ist und bleibt es ein Hobby und eins sollte nicht auf der Strecke bleiben: der Spass. Den hatte ich leider schon im Vorfeld zur diesjährigen Styrkeprøven verloren. Zu oft musste ich mich entscheiden zwischen Training und anderen Dingen (oft war es Besuch aus Deutschland). Geht man nicht zum Training hat man ein schlechtes Gewissen, geh ich zum Training und lass den Besuch sitzen hab ich es auch. Egal wie man es macht – man steht immer dazwischen. Und das hatte ich zu oft, zuviel Druck trainieren zu müssen und denn Spass am Biken dabei auf der Strecke zu lassen.
Deswegen hab ich mich schon vor der Styrkeprøven entschieden das es vorerst die letzte war. Dreimal reicht und ob ich in ein paar Jahren nochmal antrete will ich nicht ausschliessen. Ich werde dem Team weiter zur Seite stehen, sicherlich ab und an zum gemeinsamen Training erscheinenen. Aber alles nur noch ausschliesslich wenn ich Bock hab :) Die Styrkeprøven 2009 war vorerst ein schöner “Abschluss”. Eine neue Bestzeit, es lief insgesamt “relativ leicht” und Anja war im Ziel und damit irgendwie auch dabei. So werd ich es erstmal in Erinnerung behalten und freu mich schon auf neue Projekte in die ich die bisherigen Ressourcen stecken will. Warum nicht endlich mal eine Trans-Alb mit Freunden oder ne andere nette Bikegeschichte. Alles entspannter, ruhiger und ein stückchen mehr “sozialer”. Ich freu mich jetzt schon drauf :)
Links:
Toller Bericht – wird mich sicher motivieren!
Gerade die Schilderungen der letzten 170km, das Abstecken von kleineren Zielen kann ich sehr gut nachvollziehen.
Nochmals herzlichen Glückwunsch zur neuen persönlichen Bestzeit.
Gruß
Thorsten
Wahnsinn. Und wahnsinnig spannend zu lesen. Da sage ich nur “Hut ab”!
Wie man nach so einer Tour noch so lachen kann, ein Wahnsinn.
@Thorsten & @Anja: Danke Danke. Schön zu sehen das jemand bis zum Ende des doch recht langen Berichtes gekommen ist.
@Thorsten: Dein neues Bike ist ja wirklich schick! Gratuliere!
@Hannelore: Geil was. Bin halt Profi – immer ein Lächeln für die Kamera übrig … oder besser für die Frau hinter der Kamera :)
Respekt! Ich würde die Strecke mit dem Auto nur ungern in einem Ritt absolvieren, wenn ich mir dann aber vorstelle mit dem Rad … Aua!
Glückwunsch aus Stavanger!