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26. June 2007,

Nach dem Ritt ist vor dem Ritt

Jetzt, knapp 72 Stunden nach dem Zieleinlauf beginne ich langsam zu realisieren was wir eigentlich getan haben: Über 19 Stunden bergauf und ab im Regen radfahren. Tsss, was für eine verrückte Idee! Oftmals hab ich in den letzten Stunden an meine ersters Training zurück gedacht. Damals konnte ich mit meinem alten Rennrad garnicht so schnell treten wie man dort fuhr. Damals war alles noch weit und unreal, jetzt ist es realer es kaum sein kann. Es ist vollbracht und ich bin im Ziel gewesen.

Geschafft: Nach 19 Stunden und 11 Minuten im Ziel540 km klingt lang, ist es auch aber fährt sich trotzdem recht schnell runter. In den letzten Monaten hatte ich ein ganz gutes Training und im März/April auch einige wirklich schöne Langtouren. Da sind dann mal schnell 150 km zusammen gekommen. Zum Schluß war es dann so, das man nach 70 Trainingskilometern erstmal so richtige in Schwung war. Das zeigt mir, das es eine gute Vorbereitung war um sich dann auf die richtige Langstrecke vorzubereiten. Insgesamt legte ich knapp 5000 Trainingskilometer seit dem Herbst zurück plus einige Spinningstunden.

Lange hatte ich mir gesagt, neee, ich fahre nicht mit. Nicht 2007. Ja, vielleicht 2008, aber nicht jetzt. Dann dachte ich mir irgendwann, ich fahre mit, in welcher Gruppe (20 oder 18 Stunden) bestimm ich aber nach der ColorLineTour. Doch dann legte ich mich weit vor der ColorLineTour auf die 18 Stunden fest, vielleicht auch weil es keine 20 Stunden-Gruppe gab. Und dann fing ich zwischendurch auch mal an, mit dem Gedanken zu spielen bei den Ekspress-Leuten mitzufahren. Diesen Gedanken legte ich dann aber auch schnell zur Seite. Zumindest für 2007.

Dann war es soweit. Am Freitag morgen ging der Flieger nach Trondheim. Morgen sagte ich? Es war um kurz vor sieben Uhr. Der Flughafen in Stavanger ist recht klein. Wir dachten, ach – reicht doch 45 Minuten vor Abflug da zu sein. Naja, der Flughafen ist zwar klein aber immer mehr Flüge gehen darüber und somit immer mehr Menschen. Am Ende hatten wir uns ganz schön zu beeilen und waren die letzen drei die das Flugzeug bestiegen. Wir drei? Anja sollte ein Essensauto steuern, Morten und ich. Es war ein schönes Gefühl in Trondheim zu sein. Der Flughafen wimmelte nur so von Bikern. Überall standen sie mit ihren verpackten Bikes und es lag eine herrliche Stimmung in der Luft. Da entgegen uns – die wir den Flug über Oslo nahmen – viele den Direktflug wählten, trafen wir am Flughafen am Gepäckband dann auch das halbe Team Jæren.

Alle übernachteten im Hotel. Nicht wir. Etwas am Stadtrand gelegen übernachteten wir bei einem Freund von Morten. Es war ok, aber am Ende durch das hin- und hergefahre nicht wirklich schlau. Das nächste Mal ;-) ist es klüger das Hotel im Zentrum zu nehmen und so noch etwas mehr Enspannung zu bekommen. Und um noch mehr vom Flair der Stadt zu erleben. Überall Biker und Teams. Ein herrliches Bild. Durch den zeitigen Flug waren wir zeitig in Trondheim und konnten zeitig unsere Startnummern abholen. Wie es sich für Ossis gehört stellten wir uns pünktlich VOR Öffnung des Organisationsbüros an. Wären wir ne Stunde später gekommen, hätten wir uns nicht mehr anstellen müssen. Natürlich kaufte man sich noch ein T-Shirt und hatte die Möglichkeit noch mehr Geld für irgndwelche Dinge zu lassen. Ich habs gelassen, brauchte zum Glück nichts.

Die erste Startgruppe am Freitag um 20 UhrFreitag abend um 20 Uhr starteten die ersten Langstreckenfahrer. Bis zu 45 Stunden Fahrzeit wird gewertet. Wer bis dahin nicht im Ziel ist, wird nicht mehr gewertet. 45 Stunden bedeutet von Freitag 20 Uhr bis Sonntag 17 Uhr. Wir schlenderten erst noch durch die Stadt, schwatzen mit ein paar deutschen Bikern, traffen uns alle zur Besprechung im Team Jæren und Anja war noch bei einer kurzen Schulung für Begleitfahrzeuge. Danach gings Pasta essen in ein nettes Lokal, wo so richtig keiner Satt geworden ist. Zumidest weiß ich, dass noch mindestens ein Holländer (der Neffe vom Kapitain – lustiger Typ) noch mal essen gegangen ist. Und zwar dorthin, wohin dir jeder am Abend vor einem solchen Rennen abrät: McDonalds.

Kurz vor dem Start - alles muss passen.Samstag, 8.52 Uhr war unsere Startzeit. Da wir eben etwas ausserhalb wohnten, war es etwas “stressig” morgens in die Stadt zu kommen. Ein Teil meiner Sachen hatte ich am Schlafplatz, ein Teil im Hotel. Also hieß es morgens im Hotel dann alles zusammen zu bringen. Mein Rad, meine Ausrüstung und den Fahrer. Damit war ich aber gut beschäftigt und so kam wenigstens keine lange Weile auf. Und das Wetter lud auch nicht gerade zum Sonne tanken ein. Sonne? Die sah man nicht. Nur Regenwolken aus denen dann auch noch der erste Worteil kam: Regen. Das Wetter begleitete uns dann auch die ganze Tour. Die ganze Tour! Ja ok, es gab auch mal ein paar Pausen. Aber nur Pausen zwischen zwei längeren Regenperioden. Aber egal, so ist es eben und die Tour hat nun mal den Namen “Die Kraftprobe”. Und warum soll es da auch noch schönes Wetter geben?

In der Startaufstellung war die Stimmung gut. Zwei Fahrer hatten Geburtstag und so gabs noch ein Liedchen und ne Ansage von der Moderation. Zack, plötzlich ging es los. Erleichterung machte sich breit endlich los zu sein. Endlich auf der Strecke sein, endlich das Anpacken worauf man sich wochen- und monatelang vorbereitet hatte. Endlich Realität werden lassen, was immer beschrieben wurde und über das ich nur Erzählungen kannte. Vorstellen was das konkret bedeutet, konnte ich mir nicht.

“Der Wind kommt immer von vorn”, so der Titel eines Radwanderbuches. Wie recht die Autoren haben! Gegenwind auf den ersten Kilometern. Wieviel genau weiß ich nicht, aber ingesamt wohl etwa die halbe Strecke. Mischen sich Gegenwind und Regen ergibt dies einen unangehme Mischung, die ich später noch spüren sollte.

Anja und ich beim letzten EssensstopEigentlich verliefen die ersten Kilometer gut und nach etwa 90 km gabs dann die erste Panne – nein, nicht bei mir. Eine Kette war gerissen und wenige Meter danach an einem anderen Bike ein Bowdenzug. Ich wartete bis die meiner Meinung nach schlecht getimte Reperatur (meiner Meinung nach hätte man einfach ein Ersatzbike nehmen sollen, weiterfahren und nach ein paar Kilometern wieder zurücktauschen sollen, wenn das Bike repariert ist) fertig war und fuhr dann die Leute fast mit zurück ins Feld. Fast nur, weil sie es nicht schafften in den Windschatten zu hängen und mein Tempo zu halten. Mein Gefühl sagte mir es war relativ viel Zeit vergangen und mir fehlte die Erfahrung, wie weit ist die Gruppe vorraus und was ist möglich aufzuholen. Nach einer kurzen Absprache wurde abgemacht, das die anderen mit Hilfe des Technikmobiles zurückgefahren werden (was wenn man erwischt wird die Disqualifikation bedeutet) und ich mit Geggi – einem anderne Fahrer – (er hatte dann auch nach ein paar km gewartet) versuchen zur Gruppe zurück zu biken. Uns war es einfach zu blöd wegen einer solchen doofen Reperatur, vielleicht das Team zu verlieren. Knapp 500 m vor dem ersten Essenstop hatten wir die Gruppe dann auch wieder eingefahren.

Es war sehr schön das Anja mit dabei war. Wir sahen uns am ersten, vierten und fünften Essensstopp und man hatte das Gefühl, es ist jemand mit dabei, ganz nach dran. Man ist nicht alleine und vor allem, man teilt das Erlebniss. Wunderbar und ich kann es eigentlich jedem Radfahrer auf so einer Strecke nur empfehlen!

So oft wie beim Rennen muss ich sonst nie Pissen!Im weiteren Verlauf des Rennens gab es nur wenig Abwechslung. Der Regen hielt an und der Wind kam gerade im ersten Teil ziemlich oft von vorn. Nach etwa 160 km waren wir auf 1000 m und hatten schon einige Höhenmeter hinter uns. Hier oben war es, so lange wir fuhren, auch ok. Doch es kam Essenstopp Nr. 2 hier oben und das war eklig! Der Stopp ging noch, doch als wir uns danach wieder auf die Räder setzen fuhr uns der Fahrtwind durch alle Glieder. Wir zitterten auf den Rädern, ja wir klapperten mit den Zähnen. Wirklich! Ich hab schon ewig nicht mehr sooo gefrohren. Die folgende Abfahrt war nicht schön und anstatt Tempo zu machen wurde gebremst was das Zeug hielt. Wir hatten, wie sich später herausstellte, alle Angst die Kontrolle zu verlieren, da es nicht einfach war vor lauter Zittern den Lenker halbswegs gerade zu halten.

Nach so einem Rennen ist eine der Standardfragen, wo die Schweren Stücke waren. Es gab für mich drei: Nummer eins war nach etwa 140 km, als ein Schild am Straßenrand und auf die noch 400 vor uns liegenden Kilometer hinwies. 400 km, verdammter Mist. Ich saß doch schon über drei Stunden auf dem Bike! Der zweite Punkt war die eben erwähnte Abfahrt und die halbe Stunde danach. Ich zitterte und mein Puls war soweit unten, das ich Angst hatte abbrechen zu müssen. Wirst du nicht mehr und dein Kreislauf kommt nicht in Schwung, kann es auch das Ende sein. Da hatte ich echt ein bissl Schieß. Der dritte Punkt war dann etwa 120 km vor dem Ziel. Meine beiden Knie fingen an sich zu melden und ich konnte nicht mehr mit vollem Druck fahren. Diese Erscheinung in meinen Kienen verschwand jedoch knapp 80 km vor Oslo, beim letzten Essenstop wieder. Danach konnte ich wieder lostreten, als ob nichts wahr.

Volle FahrtÜberhaupt verliefen die letzen 80 km richtig gut. Ich fühlte mich nicht schlapp, nicht einmal auf der ganzen Strecke. Die Beine waren nicht übersäuert, kein Krampf und auch kein Gefühl des Leer seins. Nichts davon, außer eben die Gliederschmerzen (neben den Knien auch immer wieder gern im Nacken und Schulterbereich). Vielleicht war es dann auch der Gedanke, es sind nur noch 80 km – nachdem wir schon 460 km zurück gelegt hatten. Ein Katzensprung also im Verhältniss. Ebenso empfand ich als motivierend, das sich die ganze Zeit über Fahrer fanden, die vorn mit Tempo machten. Ein bisschen bestand die Befürchtung das sich von den 35 Leuten nur noch weniger als 10 an der Führungsarbeit beteiligen. Doch es waren oft einige mehr und es war ein guter Wechsel. War jemand müde reihte er sich hinten ein und sofort fanden sich neue Fahrer die Lust und Kraft hatten, vorne mitzuarbeiten.

Am Ende waren wir nach 19 Stunden und 11 Minuten im Ziel. Die Freude bei mir verhielt sich in Grenzen, da ich lange die Hoffnung hatte wir schaffen trotz Wetter die 18 Stunden. Erst jetzt einige Tage später wird mir klar, das es egal ist. Wir haben es geschafft, wir sind im Ziel und wir haben eine tolle Tour gehabt. Nicht zu vergessen sind die Monate davor. Spinning im Winter, viele Langtouren im März/April. Im Mai traffen wir uns regelmäßig auf Rennen und das wöchentliche Berg- und Techniktraining gab es auch noch. Ich hab viele nette Menschen getroffen, habe viel über Radfahren gelernt und gesehen, zu was wir eigentlich alles fähig sind.

Rückflug von Oslo nach StavangerEin wenig Erfahrung hab ich ja, wie eine Zielankunft aussieht. Die in Oslo war nicht sooo dolle. Es war nachts um 4 Uhr, wenige Leute da und überhaupt war es nicht so toll wie bei den kleineren Rennen. Die Verpflegung im Ziel hielt sich stark in Grenzen und die naja, wenigstens gab es Duschen. Doch zuerst mussten wir unsere Bikes verpacken und einladen, die Essensboxen reinigen und alles mögliche verstauen. War das geschafft gabs die Dusche und für Anja und mich noch ein paar Stunden schlaf auf Isomatte und Schlafsack, bin Mittag der Flieger zürück nach Stavanger ging.

Nach der Styrkeprøven ist vor der Styrkeprøven. Jetzt gehört man dazu, zu dem Kreis der Menschen die diese Kraftprobe geschafft haben. Angemeldet in 2007 waren 5423 Leute, davon traten 205 nicht an und 613 brachen ab. Zugegeben, es ist auch ein schönes, “stolzes” Gefühl. Das Gefühl zu einem bestimmten Kreis zu gehören, zu einem Kreis von ziemlich verrückten Radfahrern. Jetzt ist erstmal ein wenig Pause angsagt. Doch im Kopf beginnen die Gedanken sich um 2008 zu drehen. Was könnte man anders machen, was wäre möglich. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann ich sagen, 2008 bin ich wieder dabei. Vielleicht sogar mit den Expressleuten, das muss ich ich in den nächsten Monaten mal schauen. Lust habe ich und es macht einfach auch Spaß, auf Grund der netten Leute.

Updaten 27. Juni 07:
Mein Schatz Anja hat auch darüber gebloggt und kann bei ihr nachgelesen werden. Es ist auf jeden Fall ein sehr lesenswerter Text!